Türkçe | Home | Kontakt


Deutsch-türkischer Kulturaustausch früher und heute

Die kulturpolitischen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei gründen auf eine lange, in das 19. Jahrhundert zurückreichende Tradition - stets mit einem besonderen Schwerpunkt im Bildungswesen

Anfänge bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts spielten die kulturellen Beziehungen allerdings eine nachrangige Rolle im Verhältnis Deutschlands zur Türkei verglichen mit den Beziehungen im militärischen und wirtschaftlichen Bereich. Deutschland hinkte hinsichtlich der Entwicklung seiner kulturellen Beziehungen zum Osmanischen Reich damals auch hinter anderen europäischen Staaten hinterher. Dies änderte sich aber, als zu Anfang des 20. Jahrhunderts das Interesse in der deutschen Bevölkerung am Osmanischen Reich zunahm. Die hervorragenden Resultate deutscher archäologischer Forschung in der Türkei seit der Mitte des 19. Jahrhunderts und die Einrichtung des Faches Orientalistik an deutschen Universitäten sorgten für eine zunehmende Intensivierung auch der kulturellen Beziehungen zwischen beiden Staaten und ihren Gesellschaften. Die Studienreise von mehr als 50 Repräsentanten des kulturellen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Lebens der Türkei im Jahre 1911, die von dem turkophilen Chefredakteur der Heilbronner Neckarzeitung Ernst Jäckh vorbereitet wurde, schaffte die Grundlage für die weitere enge Zusammenarbeit. Diese Reise führte insbesondere dazu, dass sich nach den Kriegen 1912/13 deutsche Professoren und Experten bei der Reform des türkischen Bildungswesens und der Istanbuler Darülfünun engagierten.

Die Türkei als Zuflucht für deutsche Wissenschaftler

In den dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts fanden mehr als 80 namhafte deutsche Wissenschaftler und Künstler in der Türkei Zuflucht vor der Verfolgung durch das Nazi-Regime. Sie halfen beim Aufbau der türkischen Hochschulen, wie der Architekt Bruno Taut, Nationalökonomen wie Alexander Rüstow, Gerhard Kessler und Wilhelm Röpke, oder auch Dr. Ernst Praetorius ab 1935 am Konservatorium in Ankara. Der Jurist Ernst E. Hirsch hatte entscheidenden Anteil am Aufbau der juristischen Fakultät der Universität Ankara. Der spätere Regierende Bürgermeister von Berlin Ernst Reuter war in dieser Zeit mehrere Jahre lang Experte für Verwaltungs- und Verkehrsfragen in Ankara und Ýstanbul. Diese Emigranten legten die Grundlage für die bis heute nachwirkende Orientierung vieler junger türkischer Wissenschaftler nach Deutschland. Mit der Unterzeichnung des deutsch-türkischen Kulturabkommens am 8. Mai 1957 während des Staatsbesuchs von Bundespräsident Heuss in der Türkei wurde diese Zusammenarbeit völkerrechtlich besiegelt.

Neue Entwicklungen

Trotz der deutlichen Ausrichtung des türkischen Hochschulwesens auf angelsächsische Vorbilder seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gibt es bis heute insbesondere im Maschinenbau, Forstwirtschaft, Jura und natürlich in der Archäologie enge Beziehungen zwischen deutschen und türkischen Wissenschaftlern. Gleichzeitig ist eine spürbare Zunahme des Austauschs zwischen Deutschland und der Türkei im Bildungsbereich festzustellen.

Vertreter deutscher Kulturmittlerorganisationen beim letzten Treffen in Istanbul im April 2007

Durch die Integration der Türkei in die Programme der EU, etwa das SOKRATES-Programm oder das "Sechste Forschungsrahmenprogramm", werden türkische Universitäten zu immer attraktiveren Partnern für deutsche Hochschulen.

Auch die deutsche Sprache hat neue Chancen: Nach jahrelanger Dominanz des Englischen im Fremdsprachenunterricht könnte die von der türkischen Regierung geplante Einführung einer zweiten Pflichtfremdsprache an türkischen Sekundarschulen neues Interesse am Unterrichtsfach Deutsch wecken und so die Brücke zwischen beiden Ländern verbreitern. Deutschland ist bereit, die Umsetzung dieses Projekts kräftig zu unterstützen. Das Lehrerentsendeprogramm an ANADOLU-Gymnasien mit Schwerpunkt Deutsch liefert hierfür wichtige Erfahrungen.

Traditionell besonders eng sind Archäologiebeziehungen, die dazu beitragen, über die Darstellung des gemeinsamen europäischen Kulturerbes hinaus das Verständnis zwischen Deutschland und der Türkei zu vertiefen. Das Deutsche Archäologische Institut unterhält seit 1928 eine Zweigstelle in Ýstanbul und betreut von dort aus die 19 deutschen Grabungen in der Türkei, unter anderem Troia, Milet, Priene, Bogazköy/Hattuscha und Pergamon. Nach den populären Ausstellungen Troia und Hethiter im Jahre 2001 ist in der Zeit vom 20.1. bis 17.6.2007 im Schloss Karlsruhe eine große Landesausstellung mit dem Titel: " Vor 12.000 Jahren in Anatolien - Die ältesten Monumente der Menschheit " zu sehen.

Der kulturelle Austausch heute

Fatih Akýn

Von großer Bedeutung für den kulturellen Austausch sind die Aktivitäten der 2,5 Mio. Bürger türkischer Abstammung in Deutschland. Bei künstlerischen Darbietungen sind es insbesondere in Deutschland lebende, anerkannte Künstler mit türkischem Hintergrund, die als Repräsentanten eines multikulturellen Deutschland neue Dimensionen kultureller Verständigung eröffnen. Exemplarisch für viele andere sei der Regisseur Fatih Akýn genannt, der mit dem bei der letzten Berlinale ausgezeichneten Film "Gegen die Wand" auch in der Türkei sehr erfolgreich ist. Der Film trägt nicht zuletzt dazu bei, dass in der Türkei ein Nachdenken über die Wahrnehmung der in Deutschland und anderen europäischen Ländern lebenden Landesleuten einsetzt. Emine Sevgi Özdemir, die sich sowohl als Schauspielerin als auch als Schriftstellerin einen Namen gemacht hat, der Schriftsteller Feridun Zaimoglu und Selim Özdogan stehen stellvertretend für viele, viele andere. Gerade in Literatur und Film haben sich seit den 80er Jahren viele junge türkische bzw. türkischstämmige Schauspieler, Regisseure und Schriftsteller aufgemacht, einen eigenen deutschtürkischen Weg zu finden. Sie erheben heute immer öfter den Anspruch, in ihren Werken nicht auf türkische und Emigrantenthemen "abonniert" zu sein. Sie sehen sich immer weniger als Sprachrohr und kulturelle Vertreter ihrer türkischen Landsleute in Deutschland, sondern fühlen sich als Teil der deutschen Gesellschaft.

 

 

Alle Rechte vorbehalten ©